Mittwoch, 21. April 2010

Abgeschlossen

So fühlt es sich also an, wenn man sein Studium beendet. Nach 5 ½ Jahren einen Schlussstrich zieht. Mein Herz pocht bis in die Schläfe, als ich mich in die lange Schlange vorm Prüfungsamt einreihe. Meine Magisterarbeit trage ich behutsam auf beiden Händen vor meinem Körper, wie ein Kellner, der ein Tablett mit hochwertigem Porzellan serviert. Sie ist noch warm. Gerade frisch gedruckt und gebunden. Ich merke wie aus den Poren meiner Handflächen der Schweiß rinnt. Vorsichtig hebe ich die Arbeit hoch. Meine Hände sind schwarz. Der Papprücken hat abgefärbt! Panisch drehe ich die Arbeit um, aus Angst, der Papprücken könnte jetzt weiße Handabdrücke aufweisen. Dem ist nicht so. Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf: Steht das Datum drin? Hast du unterschrieben? Ist die CD noch in der Hülle? Wieso hab ich mir nicht mehr Zeit genommen? Warum musste ich gleichzeitig arbeiten gehen? Wieso habe ich nicht doch ein anderes Thema gewählt? Entspricht der Inhalt wirklich dem, was der Professor erwartet? Was ist, wenn wir aneinander vorbei geredet haben? Sind meine Analysen in Wirklichkeit nicht nur Inhaltsangaben? Herausgefunden habe ich nichts. Aber muss man nicht eigentlich etwas erforschen?

„Jetzt ist es eh zu spät!“ sagt das Engelchen auf meiner rechten Schulter. „Du hast dein Bestes gegeben, du musst jetzt damit abschließen“. „So ein Quatsch“, schimpft der Teufel auf meiner linken Schulter. „Du hast versagt!“. Die Diskussion wird abrupt unterbrochen: Die Türe vor mir öffnet sich. Ich bin dran. Noch einmal tief durchatmen, dann wechselt die Magisterarbeit seinen Besitzer. Tschüss, mach’s gut, denke ich mir noch und schon bin ich wieder draußen. Eine beklemmende Leere übermannt mich. Das war’s also, denke ich mir. Jetzt heißt es abwarten und Tee trinken. In 2-3 Monaten weiß ich mehr. Es gibt nur 3 Möglichkeiten: Durchgefallen, schlechte Note oder gute Note. Letztere wäre wünschenswert, aber die Selbstzweifel überragen. Lieber durchfallen, statt einen schlechten Abschluss, denke ich mir. Doch dann müsste ich noch ein halbes Jahr dranhängen. Ein teures halbes Jahr.

Draußen vor dem Prüfungsamt stehen Freunde. Eine Sektflasche wird geköpft, wir stoßen mit Pappbechern an, lachen, die Anspannung löst sich. Ich bin frei, denke ich mir. Jetzt ist alles vorbei. Zeit das Leben zu genießen! Arme hoch, los geht’s! Aber die Zukunftsangst ist größer. Kann ich wirklich zur Ruhe kommen? Werde ich einen Job finden? Bekomme ich das, was ich will? Wie lange kann ich mir meinen jetzigen Lebensstil noch leisten, wenn ich nichts finde? Die Gedanken überschlagen sich, ich bekomme Kopfschmerzen, will nur noch schlafen.

Vier Tage braucht mein Körper um sich von dem Schlafentzug, der Nervosität und dem Stress der letzten Wochen zu erholen. Stündlich wachte ich nachts schweißgebadet auf und mein Kopf war voll negativer Einstellungen. Im Briefkasten stapeln sich die Absagen. Man hätte keinen Bedarf. Ich sei nicht qualifiziert genug. Pf. Ich sehe mich schon als studierte Putzhilfe in verdreckten Kneipen den Boden wischen.

Ablenkung bewirkt Wunder. Drei Tage habe ich jetzt schon keine negativen Gedanken mehr gehabt. Habe viele nette Menschen getroffen, gefeiert, nach langer Zeit mal wieder ein Buch gelesen, das nichts mit der Uni zu tun hatte, habe Musik gehört, mir die Sonne ins Gesicht scheinen lassen und bin einfach nur herumspaziert und habe die Gedanken schweifen lassen. Grundreinigung der Seele sozusagen. Morgen wird nach einem Jahr Konzertabstinenz endlich mal wieder eine Halle gerockt. REVOLVERHELD spielt in Köln und ich werde am Start sein. Die letzten Poren öffnen und die kleinsten negativsten Gedanken wegschwitzen. Tanzen, mitsingen und glücklich sein. Darauf habe ich mich mit jeder weiteren Zeile meiner Abschlussarbeit gefreut.

Wie singen Revolverheld so schön? „Lass’ dein altes Leben hinter dir und geh durch diese neue Tür!“. Das werde ich tun.

1 Kommentar:

  1. Und? Ist die neue Türe abgesperrt gewesen oder warum steht da nix mehr? ;-)

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